Dritte Folge der Reihe von Großmeister Rainer Buhmann und Sportpsychologe Janik Notheis. Thema ist das Growth Mindset – auf Deutsch am ehesten Wachstumsdenken – und die Frage, welche Faktoren die persönliche Entwicklung im Schach tatsächlich vorhersagen.
Growth Mindset und Fixed Mindset im Schach
Buhmann übersetzt Growth Mindset als die innere Überzeugung, in einem Bereich besser zu werden, wenn man daran arbeitet – und Fehler als Lernchance zu sehen. Notheis beschreibt den Gegenpol: Ein Fixed Mindset zeigt sich darin, dass man stärkere Gegner meidet, nach Niederlagen tiltet oder eine Niederlage als Beleg für mangelnde Fähigkeiten liest. In der Praxis trägt fast jeder Spieler Anteile von beidem, abhängig von Form und aktuellen Ergebnissen. Der entscheidende Unterschied: Wer glaubt, keinen Einfluss zu haben, investiert dort auch keine Energie mehr.
Attribution: Wie du Siege und Niederlagen erklärst
Die Ursachenzuschreibung nach einer Partie ist laut Notheis ein stark unterschätzter Faktor. Wer eine Niederlage mit „ich bin nicht intelligent genug“ erklärt, wählt eine stabile, unveränderbare Ursache – und zerstört damit die eigene Motivation. Hilfreich ist stattdessen eine veränderbare Zuschreibung: Der Gegner war stark, oder man hat schlicht noch nicht genug geübt. Ebenso wichtig ist die Attribution nach Siegen: Wer den Erfolg ausschließlich auf die Schwäche des Gegners schiebt, verschenkt Selbstwirksamkeit. Buhmann bringt es auf ein einzelnes Wort: „Ich bin noch nicht so gut“ verschiebt die Grenze zurück in den eigenen Einflussbereich.
Drei Fragen für die Partieanalyse
Für Buhmann ist die Analyse der eigenen Partien der wichtigste Anwendungsbereich des Wachstumsdenkens. Er arbeitet mit drei Fragen: Was ist passiert (das Symptom)? Warum ist es passiert (die Ursache – Zeitnot, Unkonzentriertheit, fehlende Prophylaxe)? Und wie hilft mir diese Erkenntnis konkret im Training? Der dritte Schritt ist der, den die meisten überspringen: Ohne konkreten Plan bleibt aus „beim nächsten Mal mache ich es besser“ keine konstant abrufbare Fähigkeit.
Was Entwicklung tatsächlich vorhersagt
Buhmann nennt drei Werte, die persönliche Entwicklung tragen: Freude, Intensität und die Bereitschaft zur Wiederholung – wer sich nur zurücklehnt und Videos schaut, wird nicht besser. Notheis ergänzt Befunde aus seiner Forschung: Post-Performance-Routinen, allen voran die systematische Analyse der eigenen Partien, gehören zu den stärksten Prädiktoren für langfristige Spielstärke-Entwicklung. Dazu kommen emotionale Resilienz und Erholung zwischen den Runden. Beide schließen mit Geduld: Es gibt keine Abkürzung, die in drei Wochen 100 Elo bringt.
Bezug zur ChessMind-Methodik
Die strukturierte Nachbereitung, die im Video als stärkster Entwicklungshebel beschrieben wird, ist auf ChessMind als Post-Performance-Routine abgebildet: wiederkehrende Reflexionsfragen, die Muster über viele Partien hinweg sichtbar machen, statt jede Analyse bei null zu beginnen. Zusammen mit der mentalen Analyse entsteht so ein Spielerprofil aus Stärken und Entwicklungspotenzialen – genau die Grundlage, die Buhmann seinen Schülern empfiehlt.



